Samstag, 16. April 2016

Gedanken

Nachdem wir die wörtliche Rede nun aufgeschlüsselt haben, kommen wir zu dem Teil, der anderen Charakteren verborgen bleibt – den Gedanken. Diese darzustellen, ist meist schwieriger, als wenn man Dialoge schreibt. Die Gespräche bekommen nämlich die Figuren und der Leser mit, sie zeigen also eine Art Allgemeinwissen. Die Gedanken hingegen sind vor allem für die Leser wichtig, damit diese erfahren, was im Erzähler vorgeht. Sie können seine Gedankengänge nachvollziehen, finden mehr über das Gefühlsleben heraus und wissen, welche Entscheidungen getroffen werden. Oftmals muss man aufpassen, dass man in der Geschichte diese Infos nicht für bekannt hält. Andere Figuren können nur erahnen, was im Erzähler vorgeht, sie können es nicht sicher wissen.

Also merkt euch Folgendes:

Die gedanklichen Informationen kennen nur der Autor und der Leser – die Personen im Buch können höchstens Vermutungen darüber anstellen.

Und diese können nicht nur, sondern müssen ab und an sogar falsch sein. Denn viele Menschen verbergen ihre Gedanken und Gefühle sehr geschickt vor der Öffentlichkeit. Eine Nebenwirkung unserer Zeit, die mir nicht unbedingt gefällt, aber die nun mal normal ist. Denn viel zu schnell wird man für seine Meinung verurteilt.

Doch davon wollen wir hier nicht reden. In diesem Beitrag geht es um die Gedanken von Buchcharakteren. Und ich zeige euch nun, wie man diese am besten darstellt.


1. Als Erzähltext


Das ist wohl die simpelste Möglichkeit. Wenn ihr einen personalen oder einen Ich-Erzähler habt, passiert das sowieso ständig. Denn jede Wahrnehmung ist subjektiv. Das heißt, ob eine pinkfarbene Hausfassade schön, kitschig oder hässlich ist, wird durch den Erzähler entschieden. Das bedeutet, die Gedanken finden sich mitten im Erzähltext wieder, ohne dass sie als solche gekennzeichnet werden.

Hier ein Beispiel:

Das war es also. Das Haus, in dem sie die nächsten Jahre ihres Lebens verbringen sollte. Zumindest insofern ihre Mutter ihr Vorhaben in die Tat umsetzte und es wirklich mietete.
Es war genauso hübsch wie auf dem Foto, das man ihnen vorgelegt hatte. Die grüne Farbe, das dunkle Dach und die Treppen, die zum Vorgarten hinaufführten. Es war eindeutig die bessere Wahl im Vergleich zu der Wohnung in dem Mehrfamilienhaus, von dessen Besichtigung sie und ihre Mutter gerade kamen.

Das ist der Beginn meines zweiten Romans. Hier haben wir die personale Perspektive einer Sie-Erzählerin. Die grün markierten Wörter zeigen die subjektive Meinung an. Diese wird durch Adjektive, Adverbien und Füllwörter kenntlich.
Auffällig ist hier, dass ihr keine speziellen Einleitewörter braucht, um die Gedanken und Gefühle darzustellen. Diese sind unnötig, da die Perspektive klar ist und nicht extra dargestellt werden muss, wem die Meinung gehört.


2. Als indirekte Rede


Die eben angesprochene Variante mit den Einleitewörtern kann man natürlich verwenden. Vor allem wenn man einen auktorialen Erzähler hat, der zwischen den Sichtweisen verschiedener Figuren hin und her wechselt, ist es sinnvoll, diese Möglichkeit zu verwenden.

Das sieht dann so aus:

Sam konnte die Beweggründe des Mannes nachvollziehen, obwohl er sich sehr vage ausgedrückt hatte. Manche Erinnerung würde auch sie am liebsten aus ihrem Gedächtnis löschen. Vielleicht gelang ihr das durch diesen Umzug. Vielleicht aber auch nicht.
Trotz allem war irgendwas merkwürdig an ihm, fand sie.

Wenn ihr solche integrierten Einleitewörter habt, achtet darauf, dass ihr die richtige Zeitform wählt. Bleibt im epischen Präteritum, wenn ihr es gewählt habt. Für das Präsens ist es natürlich egal, das bleibt sowieso stehen.
Grundsätzlich glaube ich aber, dass man diese Variante eigentlich nicht unbedingt braucht. Ohne das „fand sie“ hätte der Satz die gleiche Bedeutung und man weiß, dass es Sam ist, die so denkt.

So als kleine „Hausaufgabe“ an euch: Achtet mal darauf, wie oft ihr solche Einleitewörter in euren Texten finden und kürzt sie raus – ihr werdet sehen, meistens ist das völlig unproblematisch ;)


3. Als direkte Rede


Zuletzt hätten wir noch die Möglichkeit, Gedanken direkt wiederzugeben. Auch das braucht man bei der personalen oder Ich-Perspektive nicht zwingend, ist aber manchmal ganz nett, um etwas Bestimmtes hervorzuheben. Denn direkte Reaktionen wirken immer persönlicher.

Schaut euch das Beispiel an:

Ihre Hände zitterten, als sie sie in das klare Wasser hineintauchte, etwas davon hinausschöpfte und sie anschließend zum Mund führte, damit sie einen Schluck nehmen konnte. „Wunderbar!“, rief sie aus, nachdem die Flüssigkeit ihre Kehle durchspült hatte.
Sicher nicht ganz so wunderbar wie du, schoss es ihm durch den Kopf und er schüttelte sich hastig. Was dachte er denn da? Wahrscheinlich spielte sein Gehirn verrückt, weil er so lange in der Sonne umhergewandert war.

Das nicht-kursiv Gesetzte stellt die direkten Gedanken dar. Die Reaktion ist unmittelbar und beschreibt ziemlich spontane Gefühle.
Hierbei könnt ihr ruhig Einleitewörter setzen, um die direkten Gedanken zu kennzeichnen. Es ist wie eine wörtliche Rede, nur dass die Anführungszeichen fehlen und niemand außer dem Leser sie mitbekommt. Wie bei der wörtlichen Rede, könnt ihr sie allerdings auch weglassen. Jedoch nur, wenn ihr die erste der folgenden Varianten wählt:

  • Verbreitet ist es, die Gedanken kursiv zu setzen. Dazu würde ich auch raten, weil sie sich so abheben und man automatisch weiß: Das ist gedankliche Rede.
  • Man kann allerdings auch Anführungs- und Schlusszeichen verwenden, was inzwischen jedoch eher altmodisch ist. Vermutlich liegt das daran, dass man die wörtliche Rede dann nicht auf den ersten Blick von den Gedanken unterscheiden kann. Steht zudem kein passendes Einleitewort, denkt der Leser vielleicht, es würde sich tatsächlich um etwas Gesagtes handeln. Um Missverständnisse auszuschließen, würde ich als Lektorin von dieser Variante abraten.
  • Was ich ebenfalls nicht unbedingt gerne sehe, ist, wenn die direkten Gedanken genauso aussehen wie der Erzähltext. Also gerade Lettern, aber ein Wechsel in der Zeitform, der die direkte Rede markiert. Trotz Einleitewort sieht das manchmal etwas komisch aus – insbesondere wenn man im Präteritum schreibt.

Am Schluss von Punkt 3 gebe ich euch noch ein paar Beispiele für Einleitewörter:

denken, überlegen, grübeln, durch den Kopf schießen, in den Sinn kommen, flüstern (im Sinne einer inneren Stimme), in den Gedanken laut werden


So, ich hoffe, ihr artikuliert die Gedanken und Gefühle eurer Charaktere demnächst auf eine dieser drei Weisen. Denn auch wenn manche oft unpassend erscheinen, grundsätzlich sind alle drei möglich. Das gilt auch für die unterschiedlichen Varianten der direkten Gedanken – hauptsache, ihr wechselt im Text nicht munter hin und her.

Oh, und noch etwas: Nicht jeder Lektor lässt mit sich reden wegen der Darstellungsweise der direkten Gedanken (z.B. wegen allgemeiner Verlagsregeln). Aber wenn ihr übers Selfpublishing geht, ist euer Lektor bestimmt toleranter – zumindest wenn er sich nicht auf seine bevorzugten Regeln festgefahren hat.


Sabrina S.

Nächste Woche gibt es mal wieder eine Pause bei der Reihe! Den nächsten Beitrag findet ihr also erst wieder am 30.4. hier auf dem Blog!

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