Samstag, 12. März 2016

Beschreibungen 3 - Gedanken und Gefühle

Äußerlichkeiten zu beschreiben, ist noch einmal ein komplett anderer Schuh, als das Innere eines Menschen zu schildern. Äußerlichkeiten sind Tatsachen. Man kann anhand des Äußeren zwar Vermutungen anstellen (wie im letzten Beitrag erwähnt), aber man kann trotzdem nicht in die Person hineinsehen. Man weiß nicht, was sie denkt und fühlt.

Zumindest ist das im wahren Leben so. In Büchern muss der Autor eine Balance zwischen dem äußeren und dem inneren Geschehen finden. Die Beschreibungen des Gefühlslebens einer Figur können sowohl in kurzen Sätzen oder Einschüben stattfinden als auch in einem reinen Erzähltext. Hierbei solltet ihr allerdings wieder dringend darauf achten, dem Leser keinen Textklotz an Gefühlen und Gedanken zu präsentieren. Klar, wir wissen gerne, was in anderen vorgeht – und seien es „nur“ Buchfiguren –, doch Menschen denken in sehr komplexen Bahnen. Alles aufzudröseln, treibt die Handlung nicht voran. Denn nur Reflexionen allein bringen jemanden im Leben nicht weiter.


Heute habe ich euch wieder verschiedene Beispiele aus DEVD mitgebracht, die unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigen, Gefühle zu beschreiben. Die meisten sind von der Länge auch ideal, nicht zu kurz, nicht zu lang (in meinem Roman sind sie länger, aber heute gibt es mal kein „So macht ihr es besser nicht!“).

Da nicht jede Gefühlsbeschreibung gleich ist, habe ich die Beispiele thematisch unterteilt.


1. Gedanken und Gefühle bezüglicher einer Situation:


Sam verspürte eine innere Ruhe in sich aufsteigen. Alles schien so normal, dass sie beinahe dachte, das Leben in der Höhle wäre stehen geblieben. Was sich hier abspielte, geschah fernab der Realität. Aber leider war dem nicht so. Draußen lauerte die Gefahr und keiner wusste das besser als sie. Schließlich war sie vor kurzem selbst eine Gefangene gewesen.

Menschen rekapitulieren oft vergangene Situationen, um aus ihnen zu lernen. Um zu erkennen, was gut und was schlecht gelaufen ist. Oder man schaut sich um, um die Situation einschätzen zu können. Diese Beschreibungen werden oft als solche übersehen, da man automatisch mit ihnen arbeitet. Häufig entstehen aus ihnen Pläne für Fluchten, Einbrüche, Angriffe oder Ähnliches. Sie leiten meistens das nächste Geschehen ein.

Vorsicht!

Diese Gedanken mischen sich häufig mit Landschaftsbeschreibungen. Wenn ihr diese beiden kombiniert, dann wird das Erzählstück doppelt so lang. Darum auf das Wesentliche beschränken und nicht jeden Baum in der Landschaft durch den Erzähler deuten.


2. Reflexionen über sich selbst:


Mal wieder musste sie sich fragen, ob das, was sie war, wirklich dem entsprach, das sie immer sein wollte. Sie hatte schon einmal an ihrem Selbst gezweifelt, nachdem sie diese Erfahrung gemacht hatte, im Reich zwischen dem Leben und dem Tod zu sein. Außerdem hatte sie sich gefragt, ob man sich in sie verlieben oder wenigstens Sympathie für sie empfinden konnte. Tja, sie hatte darauf immer noch keine richtige Antwort gefunden.

Persönliche Gedanken und Gefühle, die eine Figur selbst betreffen, gibt es eigentlich in jeder Erzählform. Bei der auktorialen Erzählform tauchen sie am wenigsten häufig auf, sodass die Distanz zwischen Figuren und Leser größer ist. Beim personalen Erzähler und beim Ich-Erzähler sind solche Reflexionen eines der wichtigsten Kennzeichen. Diese Beschreibungen zeigen, wie die Erzähler sich selbst sehen.

Vorsicht!
Gerade diese Beschreibungen neigen dazu, dass man sich als Autor zu sehr in sie vertieft (vor allem wenn Autoren ihre eigenen Gedanken und Gefühle mit der Figur verarbeiten). Dann arten sie seitenweise aus. Oft kürzt man die Selbstreflexionen auch ungern, schließlich soll der Leser die Protagonisten nicht falsch einschätzen. Als Lektor greife ich gezwungenermaßen ein und muss kürzen – auch wenn ich weiß, wie weh das dem Autor tut.
Darum rate ich euch dringend: Versucht diese Stellen selbst ausfindig zu machen und zu kürzen, bevor der Lektor auf den Text losgelassen wird und kaum noch etwas davon übrig lässt.


3. Eigene Gefühle für jemand anderen:


In Sams Kopf kreiselten die Gedanken. Sie erinnerte sich daran, dass damals Amerys Gesicht vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht war. Bedeutete das, sie hatte auch Gefühle für ihn? Gefühle, die weit über „beste-Freunde-Gefühle“ hinausgingen? Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, ob Amery je mehr als ein Freund sein könnte – zumindest nicht vorsätzlich. Aber wenn sie es sich recht überlegte, vielleicht waren sie schon immer mehr gewesen, ohne es zu realisieren.

Vor allem wenn es um die Liebe geht, machen sich die Charaktere sehr viele Gedanken darüber, welche Gefühle sie für den anderen haben. Meistens sind diese widersprüchlich, oft mit Zweifeln verbunden. Da wird dann das Pro und Kontra abgewogen, es tauchen eine Menge rhetorische Fragen auf und es würden teils wenig nachvollziehbare Schlüssel gezogen. Aber was soll man sagen? Wenn die Figuren realistisch sein sollen, dann zerbrechen sie sich nun mal über jede Kleinigkeit den Kopf und treffen falsche Entscheidungen.

Vorsicht!

Die eigenen Gefühle für jemand anderen zu deuten, ist vor allem in den konfliktreichen Passagen schwierig. Schließlich könnte es alles verändern, wenn man sich seine Gefühle eingesteht. Diese Beschreibungen sind darum meistens länger, besitzen oft eigene Absätze. Wenn sie allerdings nach jedem Gespräch auftauchen, werden es zu viele Reflexionen. Dann wiederholt sich einiges, was natürlich ebenso vermieden werden sollte.


4. Deutung der Gefühle anderer:


Während seiner Gedanken hatte Bea den Kopf in die Hände gestützt und ihre goldblonden Haare versperrten ihm den Blick auf ihre Augen. Er hätte darauf wetten können, dass sie weinte. Aber nach ihrer Geschichte ahnte er vielmehr, dass sie sich innerlich Vorwürfe machte und ihre Bernsteinaugen dafür vollkommen trocken waren. Was weinte, war ihr Herz. Und das war noch viel schlimmer seiner Meinung nach. Denn diese Tränen konnten nicht so leicht getrocknet werden.

Über sich selbst zu reflektieren, ist wesentlich einfacher, als die Gefühle anderer zu deuten. Man muss anhand von Mimik und Gestik, anhand von Worten und der Stimme herausfinden, was im anderen vorgeht. Für Buchcharaktere ist das genauso schwer wie in der echten Welt – zumindest sollte es das sein. Nicht jeder kann die Handlungen nach außen richtig deuten. Und der Erzähler kann gut und gern auch mal falsch liegen und zu viel in etwas hineininterpretieren.

Vorsicht!
Wenn es um die Handlungen anderer geht, ist darauf zu achten, dass man keine Tatsachen hinstellt. Also keine Adjektive, die sich auf Gefühle beziehen, der Erzähler kann ja nicht wissen, ob die andere Person wirklich gerade hoffnungslos, verwirrt oder zufrieden ist. Konstruktionen mit „wirkt(e)“ oder „schien/scheint“ oder „sieht/sah aus, als ob“ sind gut geeignet, um die Gedanken und Gefühle einer anderen Figur durch den Erzähler zu deuten. So kann sich nämlich auch der Leser nicht hundertprozentig sicher sein, wie es im anderen aussieht – genau wie im wahren Leben.

Die einzige Ausnahme bildet hierbei die auktoriale Erzählform. Der auktoriale Erzähler kann die Gefühle und Gedanken aller Charaktere darstellen, wie es ihm passt. Das kann auf die Dauer ganz schön verwirrend sein, weil man ständig im Kopf von jemand anderem ist. Deswegen rate ich meistens davon ab, einen auktorialen Erzähler zu verwenden.


5. Gedanken und Gefühle in wörtliche Rede einbauen:


Er setzte sich ihr gegenüber und meinte schlicht: „Vier Augen sehen mehr als zwei. Außerdem ist es im Zelt ziemlich einsam, seitdem mein bester Freund weg ist.“
Bea seufzte. War er nur gekommen, um ihr Vorwürfe zu machen? „Schon gut. Du musst jetzt nicht darauf anspielen, dass das meine Schuld ist. Das weiß ich selber.“

Dass Menschen über Gefühle reden, kommt (in Büchern) häufig vor. Diese Variante stelle ich deshalb nur am Rande dar. Wichtiger ist mir an dieser Stelle, Gedanken- und Gefühlsregungen im Gespräch darzustellen. Denn ein Erzähler kommentiert Gesagtes gerne mal, auch wenn in der Unterhaltung scheinbar keine Zeit dafür ist. Hier decken sich die erzählte Zeit und die Erzählzeit (ich hoffe, ihr erinnert euch an den Deutschunterricht) nicht ganz. Denn sonst würden immer wieder Schweigepausen von mehreren Sekunden entstehen und es sähe so aus, als würde der Erzähler eine extrem lange Leitung haben. Im Buch realisiert man das nur nicht, weil man ja die Gedankenstränge mitverfolgt.

Vorsicht!

Um den Faden des Gesprächs nicht zu verlieren, sollten die Gedanken nicht zu lang ausgeführt werden. Vor allem wenn die andere Figur noch eine Frage beantwortet, die vor dem Gedanken-Textklotz gestellt wurde, weiß man im ersten Moment nicht mehr, worauf sich das bezieht. Darum Gedanken und Gefühle in Kombination mit wörtlicher Rede kurz halten! (max. 3 Sätze am Stück)


Gut, jetzt wisst ihr, welche Arten von Gedanken- und Gefühlsdarstellungen es gibt, und worauf ihr jeweils achten müsst. Grundsätzlich ist es auch hier – wie in den Beschreibungen zuvor – wichtig, dass sie nicht ausarten. Denn meistens treiben sie das Geschehen kaum voran. Und wenn ihr in der Handlung ständig Stopps macht, um jedes Detail durchzuanalysieren, dann klingt es eher nach einem Buch voller psychologischer Analysen. Das lohnt sich nur, wenn ihr ein Buch über Selbsthilfe schreibt.

Also immer schön im Hinterkopf behalten: Autoren sind keine Psychologen! Auch wenn wir gerne die Welt verbessern wollen ;)


Sabrina S.

Ankündigung! Nächste Woche entfällt der neue Beitrag zu "Tipps einer Lektorin" aufgrund der Leipziger Buchmesse! Aber in zwei Wochen geht es dann hier wieder regulär weiter!

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