Samstag, 13. Februar 2016

Überleitungen

Um einen Text flüssig gestalten zu können, sollte sich der Autor mit Überleitungen auskennen. Denn oftmals passen Erzählpassagen thematisch nicht zusammen. Ohne einen roten Faden fehlen allerdings die Zusammenhänge, der Leser kann die Gedanken und Handlungen der Figuren nicht nachvollziehen. Es gibt zwar ein erzähltechnisches Element, das man „stream of consciousness“ nennt (dabei folgen zusammenhangslose Gedanken einer Person sehr schnell aufeinander), doch dieses sollte man nur in speziellen Fällen verwenden (bei geistiger Verwirrung, Drogeneinfluss oder Ähnlichem).

Da ich mit inhaltlichen Überleitungen zwischen verschiedenen Szenen selbst meine Probleme habe, beschränke ich mich in diesem Artikel auf stilistische Überleitungen innerhalb von Szenen. Dazu habe ich ein Beispiel aus „Die Kraft der Elemente“ herausgesucht, das im Original so aussieht:

Ach, das ist alles nur meine Schuld. Ich hätte Dina gleich folgen müssen, als sie aus dem Büro der Leiterin gestürmt ist“, behauptete Amy mit trauriger Stimme.
Mach dir keine Vorwürfe. Du konntest ja nicht wissen, dass sie gleich so lange weg bleiben würde. [1] Ich frage mich, wo sie wohl gerade ist“, erwiderte Tyra und starrte aus dem Fenster hinaus in den Garten, in Richtung des Mytra-Waldes, wo es mystische Dinge geben sollte. Schon öfters hatte jemand behauptet, dort einem Einhorn begegnet zu sein, doch bisher war noch nie eins in der Nähe des Schlosses aufgetaucht. Wahrscheinlich deshalb, weil es frei erfunden war.
[2] Wieder andere meinten, dort gingen die Geister der toten Elementmagier um, die im Wald gestorben waren. Doch einen Geist hatte noch niemand gesehen, auch wenn immer wieder erzählt wurde, dass es in dem Gehölz spuke.
[3] Auch Tyra hielt dieses Gerücht für völlig absurd. Wo gab es schon Geister? Auch wenn die Faona-Insel voller Magie war, hatten Geister mit Zauberei eher nichts am Hut.
[4] Für einen kurzen Augenblick glaubte Tyra, ein glänzendes Horn zu sehen, doch als das Mädchen einmal geblinzelt hatte, um sicher zu sein, es sich nicht getäuscht hatte, war das Glitzern verschwunden.
[5] Hast du was gesehen?“, fragte Amy an das schwarzhaarige Mädchen gewandt.
Ähm, nein. Gar nichts“, antwortete Tyra schnell. Da sie nicht genau wusste, ob sie wirklich etwas Glitzerndes gesehen hatte, behielt sie ihre Beobachtung lieber für sich.
[6] Tyra richtete ihren Blick zur Uhr, deren Ticken einen echt verrückt machen konnte. In ihrem eigenen Zimmer befand sich zwar ebenfalls eine Uhr, aber die tickte nicht so laut, wie es Tyra schien. Oder kam das nur durch die bedrückende Stille in dem Raum?
[7] Asia fing plötzlich an zu bellen und lief zur Tür.

Die Zahlen markieren die Stellen, wo man Überleitungen fehlen oder nicht gut genug sind. In folgender Auflistung gebe ich euch Gründe für die Mängel:

[1] Zu schneller Wechsel: Die ersten Sätze sollen Amy wegen Dinas Verschwinden trösten, der dritte beschäftigt sich mit Tyras eigener Gedankenwelt.
[2] Zu spät aufgegriffener Bezug: Müsste korrespondieren mit dem Satzanfang „Schon öfters hatte jemand behauptet …“. Dazwischen folgen zu viele Sätze, um die Ausdruckskette fortzusetzen.
[3] Falscher Ausdruck: „Auch“ muss sich auf die Meinung, die Handlung, usw. eines anderen beziehen, was hier nicht gegeben ist.
[4] Überleitung zwischen Gedanken und Handlung fehlt: Überleitende Ausdrücke sollten gegeben sein, wenn man von seiner Gedankenwelt in die Gegenwart übergeht.
[5] Erklärung für die Frage nicht vorhanden: Wieso glaubt Amy, Tyra hätte etwas gesehen?
[6] Unpassender thematischer Einschub: Die Handlung wird komplett unterbrochen, was nicht sinnvoll ist, nur um die Stille im Raum zu verdeutlichen.
[7] Zu schneller Übergang zur Handlung: Auch plötzliche Ereignisse können eingeleitet werden, „plötzlich“ reicht an dieser Stelle nicht.

Überarbeitet man die ausgewählte Textpassage auf die obigen Kriterien hin, könnte sie folgendermaßen aussehen:

Ach, das ist alles nur meine Schuld. Ich hätte Dina gleich folgen müssen, als sie aus dem Büro der Leiterin gestürmt ist“, behauptete Amy mit trauriger Stimme.
Mach dir keine Vorwürfe. Du konntest ja nicht wissen, dass sie gleich so lange weg bleiben würde“, erwiderte Tyra und wandte sich dem Fenster zu. „Ich frage mich, wo sie wohl gerade ist.“
Tyra ließ ihren Blick in Richtung des Mytra-Waldes schweifen, wo es mystische Dinge geben sollte. Schon öfters hatte jemand behauptet, dort einem Einhorn begegnet zu sein, doch bisher war noch nie eins in der Nähe des Schlosses aufgetaucht. Wahrscheinlich deshalb, weil es frei erfunden war.
Genau wie das Gerücht, dass die Geister der im Wald gestorbenen Elementmagier dort umgingen. Zwar wurde immer wieder erzählt, dass es in dem Gehölz spuke, einen Geist hatte jedoch noch niemand gesehen.
Das wunderte Tyra nicht weiter. Wo gab es schon Geister? Auch wenn die Faona-Insel voller Magie war, hatten Geister mit Zauberei eher nichts am Hut.
Das Glitzern, das zwischen den Baumstämmen auftauchte, wirkte dafür umso magischer. Für einen kurzen Augenblick glaubte Tyra, darin ein glänzendes Horn zu erkennen. Doch als das Mädchen einmal blinzelte, um sicher zu sein, dass es sich nicht getäuscht hatte, war das Leuchten verschwunden.
Warum starrst du so gebannt aus dem Fenster? Hast du was gesehen?“, fragte Amy an das schwarzhaarige Mädchen gewandt.
Ähm, nein. Gar nichts“, antwortete Tyra schnell. Da sie nicht genau wusste, ob sie wirklich etwas Glitzerndes gesehen hatte, behielt sie ihre Beobachtung lieber für sich.
Nach einigen Minuten des Schweigens, während der nur das Ticken der Uhr zu hören war,  fing Asia plötzlich an zu bellen und lief zur Tür.

Auf den ersten Blick wirkt es so, als ob es ein anderer Text wäre. Die Änderungen stechen sofort ins Auge, was manchen Autoren im Lektoratsprozess bestimmt einen riesigen Schrecken einjagen würde. Dabei habe ich inhaltlich nur geringfügig etwas verändert. Die meisten Ausdrücke habe ich übernommen, obwohl man von der Ausdrucksweise auch noch einiges ändern könnte. Da ich euch vor allem veranschaulichen wollte, wie richtige Übergänge die Wirkung eines Textes verändern können, habe ich das meiste gelassen, wie es war.


Und hier noch zwei Tipps, die ein Autor sich merken sollte:

  • Selbst wenn ihr einen neuen Absatz macht, um das Thema zu wechseln, können einfache Ausdrücke Verbindung herstellen. Aber bitte nicht nach gedanklicher Reflexion einer Figur auf „nun“ , „dann“ oder „danach“ zurückgreifen! Denn diese Ausdrücke beziehen sich auf vorige Handlungen, die durch die zwischenzeitlichen Gedanken einer Figur zu weit entfernt sind, um darauf Bezug nehmen zu können.
  • Kürzt ruhig mal Sätze weg oder schiebt sie an eine andere Stelle, wenn sie die Überleitungen behindern. Nur weil euch eine Passage so gut gefällt oder ihr noch irgendwas erklären bzw. veranschaulichen wollt, heißt das nicht, dass ein Autor das auf Kosten des Leseflusses tun sollte. Denn liest sich eine Geschichte schlecht, verlieren die dargebotenen Informationen an Wert. 


Sabrina S.

Nächsten Samstag gibt es einen Beitrag über Rückblenden – Freunde des Autors, Feinde des Lektors. 

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