Samstag, 20. Februar 2016

Rückblenden

Ich weiß nicht, ob man die folgende Aussage verallgemeinern kann, aber einige meiner Lektorenkollegen stimmen mir sicherlich zu, wenn ich sage:
Rückblenden sind die Freunde eines Autors, jedoch die Feinde eines Lektors.
Das mag sich hart anhören, ist aber die Wahrheit. Denn Autoren wissen so viel über die Hintergründe der Handlung und der Figuren, dass sie am liebsten alles in den Roman reinpacken würden. Zugegeben, ich würde das am liebsten auch machen, damit meine Leser alles erfahren, was ich als Autor weiß. Doch gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass viele Informationen unnötig sind. Und sie sehen auch nicht gut aus, wenn man sie alle in Rückblenden verpackt. Darum gebe ich euch nun ein paar Hinweise, auf was ihr dringend achten solltet, wenn ihr Vergangenes schildert.

Die oberste Regel bei der Verwendung von Rückblenden ist denkbar einfach: So wenige wie möglich.

Ausnahmen bilden da nur Geschichten, bei denen regelmäßig Gegenwart mit Vergangenheit wechselt. Bei diesen spielen die vergangenen Ereignisse eine genauso große Rolle wie die gegenwärtigen und werden nach und nach enthüllt. Vor allem bei Filmen und Serien wird häufig damit gearbeitet, da man Vergangenes nicht durch den Erzähler rekapitulieren kann. Da dies in der Literatur möglich ist, sollte man diese Möglichkeit dringend nutzen, statt zwischen den Zeiten zu springen.

Wichtig ist zudem, dass man auf die Länge seiner Rückblenden achtet. Umfassen sie nur wenige Sätze, können sie ruhig mitten im Text stehen bleiben. Dann verwendet man kurzzeitig die passende Vergangenheitsform. Manchmal ist es schwer zu differenzieren, welche man benutzen soll, doch grundsätzlich funktioniert es so:

  • Präsens → Perfekt (bei abgeschlossenen Handlungen)
          Bsp.: Sam sitzt im Bus. → Sam hat im Bus gesessen.
  • Präsens → Präteritum (bei noch andauernden Handlungen/Eindrücken/Gefühlen)
          Bsp.: Sam ist froh über den Umzug. → Sam war froh über den Umzug.
  • Präteritum → Plusquamperfekt (bei abgeschlossenen Handlungen)
          Bsp.: Sam ging nach Hause. → Sam war nach Hause gegangen.
  • Präteritum → Präteritum (bei noch andauernden Handlungen/Eindrücken/ Gefühlen)
          Bsp.: Sam hasste es, sich zu rechtfertigen. → Sam hasste es, sich zu rechtfertigen.
  • Perfekt → Plusquamperfekt
          Bsp.: Sam ist entführt worden. → Sam war entführt worden.

Allerdings würde ich grundsätzlich davon abraten, zu oft ins Perfekt und Plusquamperfekt zu wechseln. Denn wenn ihr ganze Absätze von „hat/hatte“ und „ist/war“ habt, klingt das richtig schlimm, wenn man es liest. Und der Lektor muss erst einmal Möglichkeiten finden, diese Formulierungen zu umgehen, was wirklich nicht einfach ist in den meisten Fällen. Drei- bis fünfmal kann man es unter Umständen stehen lassen, aber das wäre auch das absolute Limit meiner Meinung nach.

Wenn ihr längere Absätze mit Rückblenden verwenden wollt, gibt es einige Alternativen. Ganz einfach ist die Variante, bei der man einen Doppelpunkt oder ein Auslassungszeichen (…) setzt und dann im Präsens/Präteritum weiterschreibt. Diese Rückblenden sollte man allerdings einleiten.
Hier ein paar Beispiele:

  • Er erinnerte sich noch genau an den Tag vor zwei Jahren:
  • Er sah es vor sich, als wäre es gestern gewesen:
  • Sie ließ sich von ihren Erinnerungen davontragen …
  • Sie beginnt, in Erinnerungen zu schwelgen …
  • Sie wünschte sich so sehr, die Ereignisse vergessen zu können …
  • Es ist immerhin nicht das erste Mal, dass das passiert …

Wenn ihr einen solchen Einleitesatz habt, vergesst danach nicht die Leerzeile vor der Rückblende! (Und auch nicht die nach der Rückblende!)
Wenn ihr diese Variante wählt, müsst ihr die Rückblende auch nicht kursiv setzen. Wenn die Rückblende nicht eingeleitet wird, aber die Zeitform beibehalten wird, sieht man das häufiger. Wobei ich sagen muss, dass sich das besser in E-Books als in gedruckten Büchern macht.

Zuletzt noch zwei Tipps am Rande:

  • Rückblenden lassen sich oft auch als Träume darstellen. Besonders traumatische Erlebnisse rekapituliert man oft unbewusst. Allerdings sollte man das nicht ständig machen, sonst wirkt es unglaubwürdig.
  • Manchmal kann man die Vergangenheit auch in einem Prolog darstellen. Oft verrät das jedoch schon zu viel über die Geheimnisse der Figuren, darum lieber gut darüber nachdenken.


Sabrina S.

Nächsten Samstag erzähle ich euch etwas über Beschreibungen im Allgemeinen und speziell über Landschaften und Gegenstände.

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