Montag, 25. Januar 2016

Kapitel- und Absatzanfänge

Nachdem ihr nun wisst, wie ihr einen Roman nicht beginnen solltet, erkläre ich euch heute, wie ihr Kapitel und Absätze am besten anfangt. Bevor ihr den perfekten ersten Satz dafür sucht, müsst ihr natürlich erst einmal neue Abschnitte setzen. An welchen Stellen ihr das tun solltet, könnt ihr teilweise aus diesem Beitrag herauslesen. Teilweise erfahrt ihr darüber auch nächste Woche mehr, wenn es um Kapitel- und Absatzenden geht.

Anhand von Kapitelanfängen aus „Die Kraft der Elemente“ zeige ich euch verschiedene Möglichkeiten, ein neues Kapitel zu beginnen. Eine dieser Varianten dürfte so gut wie immer funktionieren. In Klammern steht, welche Varianten sich wofür eignen – denn nicht überall, wo man ein neues Kapitel setzen kann, darf auch ein Absatz gemacht werden.


1. Auftritt einer neuen Figur (Kapitel und Absätze)


Am nächsten Morgen kam mal wieder Amys Privatlehrer Herr Leider.

In meinem 2. Kapitel tritt eine neue Figur auf, die die Handlung vorantreibt. Vor allem zu Beginn der Geschichte ist es gut, nicht alle Figuren gleichzeitig einzuführen, sondern nach und nach, damit der Leser Zeit hat, sie kennenzulernen. Nach der Beschreibung von Amy und ihrer Familie taucht im nächsten Kapitel also jemand Neues auf (der eventuell noch für die Handlung wichtig werden könnte).

Der Clue: Wie ihr seht, erklärt der erste Satz noch nicht, warum Amy ihren Privatlehrer so nennt. Dieses winzige Detail verleitet zum Weiterlesen, weil man ja wissen will, woher der Spitzname stammt. Natürlich müsst ihr das nicht so machen, wenn eine neue Figur auftritt, aber Andeutungen sind immer ein spannungshebendes Element. Also besser kurze Sätze am Kapitelanfang machen und erst später Ungeklärtes erläutern (aber nicht zu spät, sonst denkt der Leser, der Autor hätte was vergessen).


2. Reaktion auf Vorangegangenes (z.B. durch wörtliche Rede) (Kapitel)

 
„Es tut mir wirklich leid, dass es so kommen musste, aber dieser Brand war kein Zufall. Auch wenn es für euch vielleicht so schien“, erklärte die Frau und bückte sich zu den Mädchen hinunter.

Hier fängt Kapitel 3 an. Das ist das Kapitel der Erklärungen, wie man schon in den Einleitungssätzen sehen kann. Die wörtliche Rede bezieht sich direkt auf den Abschluss von Kapitel 2. Hier ist vor allem das Ende des Kapitels zuvor entscheidend, denn es muss neugierig auf Erläuterungen machen. Dass man direkt mit wörtlicher Rede weitermacht, ist nicht zwingend, aber eine Variante, über die man nachdenken kann. So kann man die Reaktion einer anderen Person ebenso zeigen wie die der Erzählerfigur. Eine häufig gebrauchte Möglichkeit ist hier das Fluchen des Protagonisten. Wirklich, achtet mal darauf!


3. Neues Ereignis (durch Ortswechsel) (Kapitel und Absätze)

 
Im ersten Stock angekommen, fiel ihnen gleich der Tumult links neben der Treppe auf.

Nachdem man den Roman spannend begonnen hat, folgen in den nächsten Kapiteln meistens ein paar Erklärungen zu den Charakteren und den äußeren Umständen. So ab Kapitel 4 sollte allerdings die Handlung mal wieder in Gang gesetzt werden. Das habe ich folgendermaßen gehandhabt: Ich habe einen Ortswechsel vorgenommen und so ein Geschehnis eingeleitet, das die Personen nicht direkt betrifft. Es schließt zeitlich an das Ende von Kapitel 3 an, doch es ereignet sich etwas Neues. Was genau passiert, deute ich wieder nur an, denn die Erzählerin (Amy) sieht es ja selbst noch nicht, da sie gerade erst die Treppe hinauf steigt. Der Leser will also erfahren, was den Tumult ausgelöst hat.


4. Rekapitulation vorangegangener Geschehnisse (Kapitel und Absätze)

 
Am Nachmittag, zwei Stunden nach dem Mittagessen, machte Amy sich immer noch Gedanken über Océanes letzte Worte.

Der Anfang von Kapitel 5 weist auf neue Informationen hin, die Amy kurz zuvor von einer ihrer Lehrerinnen erhalten hat. Hinter solchen Andeutungen stehen meist Fragen, da die erzählende Figur sich nicht ganz im Klaren darüber ist, was überhaupt vor sich geht. Wir befinden uns noch im einleitenden Abschnitt des Romans, der sowohl Charakteren als auch dem Leser ein wenig mehr Klarheit verschaffen soll. Rekapitulationen sind unumgänglich, aber bitte lasst sie nicht zu lang werden. Schließlich muss irgendwann auch mal wieder etwas passieren.


5. Zeitraffer / Zeitsprünge (Kapitel, evtl. Absätze)

 
Amy und Dina waren jetzt schon seit einiger Zeit in Neonia. Genauer gesagt drei Wochen.

So beginnt das 7. Kapitel des Romans, danach folgt eine kurze Beschreibung der Ereignisse, die ich nicht näher ausgeführt habe. Die Geschichte ist längst über die Einführung der neuen Umstände hinaus, meine Protagonistinnen haben sich an der neuen Schule einigermaßen eingewöhnt. Da sich die Handlung des Romans über knapp ein Jahr zieht (vgl. „Harry Potter“), sind solche Zeitraffer notwendig, um Unwichtiges anzuschneiden, ohne es näher auszuführen.


6. Vorausdeutungen (Kapitel)

 
Zwei Monate nach diesem Geschehen passierte etwas. Etwas Furchteinflößendes.

Grundsätzlich bin ich kein Fan von Vorausdeutungen – nicht mehr zumindest. Denn eigentlich kann man diese nur mit dem auktorialen Erzähler verwenden, da weder ein personaler noch ein Ich-Erzähler wissen kann, was passieren wird. (Mehr zu den verschiedenen Erzählern könnt ihr hier nachlesen.)
Ab und an bin ich in meinem ersten Roman vom personalen Erzähler abgeschweift ins Auktoriale, darum kamen am Anfang von Kapitel 11 diese zwei Sätze vor. Die heben die Spannung insofern an, dass der Leser wissen will, was so Furchteinflößendes passiert. Diese Möglichkeit erzählt allerdings schon beinahe zu viel. Wenn etwas Schlimmes geschieht, kommt das nicht mehr unerwartet. Darum ist es besser, auf Vorausdeutungen gänzlich zu verzichten.


7. Perspektivenwechsel (Kapitel und Absätze)

 
Während Amy und ihre Freundinnen auf dem Weg zur Faona-Insel waren, gingen Dina und Chiara mit Asia spazieren.

Während in Kapitel 11 und 12 dieses „Furchteinflößende“ geschieht, beginnt Kapitel 13 mit einem Perspektivenwechsel. So kann man zum Beispiel die spannende Handlung unterbrechen, um die Umstände an einem anderen Ort zu schildern. Der Leser wird wissen wollen, wie es an der spannenden Stelle weitergeht, darum liest auf jeden Fall weiter. Indem man die Auflösung eines Ereignisses hinauszögert, wird die Neugier umso größer.
Aber Achtung! Es kann natürlich sein, dass der Leser dieses Kapitel (oder diesen Absatz) überspringt und sofort zurück zur Haupthandlung blättert. Das finde ich zwar ein wenig unverschämt – genauso wie das Ende zuerst lesen –, doch das kommt vor. Darum würde ich zum Perspektivenwechsel erst raten, wenn ein Ereignis abgeschlossen ist. So kommt auch eine bessere Struktur in den Roman.

PS: Asia ist Amys Hund, den sie in Kapitel 2 vor einem Lastwagen gerettet hat ;)


Es gibt bestimmt weitere Varianten, neue Kapitel und Absätze anzufangen, die ich hier nicht aufgeführt habe (z.B. Überschneidungen der einzelnen Möglichkeiten). Aber ich denke, ich habe einige der wichtigsten Kapitel- und Absatzanfänge aufgelistet, die gut für den Lesefluss sind. Als Lektorin achte ich natürlich darauf, wie gut man in einen neuen Textabschnitt hineinkommt, und welcher Anfang sich an welcher Stelle eignet. Am schlimmsten sind ellenlange Rekapitulationen an jedem Kapitelanfang, ihr könnt ihr sicher sein, dass ein Lektor das anstreichen wird. Also bitte auf Vielfalt achten!

Sabrina S.

PS: Andeutungen bezüglich Struktur, Charakterentwicklung usw. werdet ihr immer wieder in den Beiträgen finden, konkrete Posts dazu werde ich allerdings nicht erstellen, weil ich die künstlerische Freiheit mehr als respektiere. 


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