Samstag, 18. Oktober 2014

Muss jeder Satz episch sein?

Geschichten bestehen meistens aus abertausenden von Buchstaben und Wörtern. Und somit auch aus vielen hundert Sätzen. Autoren tüfteln manchmal tagelang, bis sie den perfekten ersten und den perfekten letzten Satz finden. Doch was ist mit all den anderen in der Mitte? Wie wichtig sind einzelne Sätze?

Für mich eine knifflige Frage, da ich nicht nur aus der Sicht eines Autors denke, sondern auch aus der eines Lektors. Als Lektorin ist es für mich glasklar, dass jeder Satz korrekt sein muss. Doch bedeutet korrekt gleichzeitig, dass er perfekt sein muss? Vom grammatikalischen Standpunkt gesehen auf jeden Fall, aber vom inhaltlichen bin ich mir da nicht so sicher. Immerhin können Geschichten nicht durchgehend episch sein, oder? Nicht hinter jedem Satz verbirgt sich ein Schatz, nicht jeder ist lebenswichtig für die Geschichte. Doch sind die weniger schönen und wichtigen Sätze deshalb bedeutungslos?

Nein, sind sie nicht. Jeder Satz repräsentiert einen winzigen Teil der Geschichte. Manche sind nicht zwingend notwendig und werden von den Lektoren gestrichen. Zum Beispiel wenn sie zu übertrieben klingen:  

"Dieser abgefahrene Satz ist so megahypergeil, weil er so maßlos übertrieben daherkommt, dass man absolut keine einzige Ahnung mehr hat, was er eigentlich bezwecken soll."

Andere wiederum müssen in der Geschichte bleiben, auch wenn sie sie nicht vorantreiben. Besonders in der wörtlichen Rede. Denn Menschen sagen oft sinnlose Dinge. Oder sie machen Smalltalk. Wenn sie zum Beispiel übers Wetter reden, dann versuchen sie, eine Konversation aufrecht zu erhalten. Dabei sehen die Leute doch, wie das Wetter gerade ist, man müsste sich nicht darüber unterhalten. Aber vielen Menschen ist es unangenehm, sich anzuschweigen, darum quatschen sie über irgendwas. Und das sollten sie in Geschichten auch tun. Das ist realitätsnäher.

Hier ein kleiner Vergleich. Andi freut sich über den Wintereinbruch. Wie würde er es tun?

"Findest du nicht auch toll, dass es die ganze Nacht geschneit hat? Endlich haben wir mal wieder einen richtigen Winter!"
Ich begrüße es, dass gefrorenes Wasser vom Himmel gefallen ist. Und wie ist deine Meinung zu diesem Thema?“

Links redet Andi so, wie ihm die Schnauze gewachsen ist. Rechts legt er wert auf jedes einzelne Wort und formuliert seinen Satz so gebildet wie möglich. Doch nur weil der rechte Satz perfekter klingt, ist er deshalb bedeutender? Eigentlich meinen die Sätze das Gleiche, nur dass man sie anders formuliert. Episch sind sie jedoch beide nicht, so gut der zweite Satz auch klingen mag. Denn eine Konversation über das Wetter ist grundsätzlich etwas Alltägliches, das dazu beiträgt, dass Menschen miteinander reden.

Genau davon leben Geschichten ja auch. Von Dingen, die wir nachvollziehen können. Das bringt uns eine Geschichte viel näher als wenn jeder Satz perfekt formuliert und toll ausgeschmückt ist. Das wirkt nämlich befremdlich auf die Dauer.

Und wo wir schon beim Thema sind, würde mich mal interessieren, was für Sätze euch wichtiger sind: Schön ausgeschmückte Beschreibungen oder emotional tiefgründige Gespräche bzw. Worte der Personen?

Freue mich auf eure Kommentare! ;)

Sabrina S.

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