Sonntag, 22. September 2013

Kurzgeschichten - ein Problemfall für Romanautoren?

Was ist eine Kurzgeschichte? Tja, eigentlich sollte das klar sein. Aber ich zweifle das Wissen, das mir in der Schule vermittelt wurde, inzwischen an. Denn je mehr Kurzgeschichten ich selbst geschrieben habe, desto weniger erschienen mir die folgenden Merkmale wichtig.

1) Eine Kurzgeschichte ist kurz – die Handlung beschränkt sich auf Minuten oder wenige Stunden im Leben der Hauptfigur:

„Kurz“ ist natürlich relativ, aber ich habe bereits Kurzgeschichten von knapp 20 Normseiten geschrieben, was meiner Meinung nach den Rahmen sprengt.
Abgesehen davon ziehen sich die Ereignisse oft länger hin, weil innerhalb dieses winzigen Zeitfensters einfach viel zu wenig passieren kann. Außerdem muss man Schilderungen aller Art weglassen, weil gewisse Informationen einfach überflüssig sind.

2) Im Mittelpunkt steht ein zentrales Ereignis, das das Leben der Hauptfigur ganz entscheidend verändert:

Das mit dem zentralen Ereignis ist ja ziemlich klar, allerdings wie soll das in so kleinem Umfang vonstatten gehen? Wenn man längere Geschichten gewöhnt ist, kann man kaum noch wichtige Geschehnisse in ein paar Seiten pressen.

3) Meist keine genauen Angaben zu Ort und Zeit – die Ereignisse können übertragbar sein:
Das ist ein Punkt, den ich absolut nachvollziehen kann. Ich hasse es, Orte festzulegen oder genaue Daten anzugeben. In Kurzgeschichten ist es auch meist nicht besonders wichtig, wo sich etwas abspielt. Und es stimmt auch, dass diese Geschehnisse übertragbar sein können. Irgendwie klischeehaft mit einem Hauch Individualität und schon hat meine eine eigene kreiert.

4) Offener Schluss und unvermittelter Anfang – die Handlung soll in sich abgeschlossen sein: 

Ja, das mit dem unvermittelten Anfang ohne Informationen bezüglich Vergangenem, das kriege ich meist noch hin. Ab und zu lasse ich mal etwas davon einfließen, aber das ist schon noch akzeptabel, denke ich. Nur der offene Schluss, der ist mal mehr, mal weniger existent. Das kommt bei mir immer ein wenig aufs Genre an.

5) Ganz alltägliche Menschen, keine „Helden“ – oft Außenseiter oder „underdogs“ der Gesellschaft: 

Kann ich bestätigen. Meine Protagonisten in Kurzgeschichten sind meistens auch eher Außenseiter oder zumindest ein wenig sonderbar. Und das Ereignis verändert auf einmal alles – egal, ob auf fantastischem Wege, dem des Todes oder dem der Liebe.

6) Zahlreiche Motive, Symbole, die viele zusätzliche Informationen und Deutungen geben, ohne dass diese im Text eigens erwähnt werden: 

Na ja, das ist bei mir eher weniger der Fall. Aber verstehen kann ich es, da man in kürzeren Geschichten keinen Platz für Deutungen hat. Die wenigen Dinge und Handlungen müssen einfach für sich selbst sprechen. Und das ist etwas, das ich gerne mal vergesse. Dann hole ich immer viel zu weit aus … für Kurzgeschichten ein TABU!


Ingesamt muss ich sagen, dass alle Indikatoren für eine Kurzgeschichte in sich stimmig sind. Wenn ich sie jedoch verwenden würde, müsste ich stundenlang planen, damit alles passt. Und da ich Kurzgeschichten eher spontan und intuitiv verfasse, fehlt es mir manchmal etwas an der Fixierung auf irgendwelche Merkmale. Ich nehme sie eher als Richtlinien, von denen ich in manchem Fall ziemlich abweichen muss. Vielleicht wurden deshalb meine Erlebniserzählungen in der 5./6. Klasse auch immer so schlecht bewertet – weil ich mich einfach nicht an irgendwelche Kriterien halten kann, wenn es ums Geschichtenschreiben geht. Darum bin ich auch kein Fan von Plot-Aufbau-Schemen.

Aber eventuell könnte es auch einfach daran liegen, dass ich lieber Romane schreibe. Lange Erzählungen, bei denen ich mich handlungs- und personentechnisch austoben kann. Außerdem baue ich gerne verschiedene Handlungsstränge ein einen Roman ein. Hört sich vielleicht so an, als ob das ein Vorteil für Kurzgeschichten sein könnte, aber bei mir trifft das leider nicht zu. Und ich bin sicher, dass mir viele Romanautoren damit Recht geben werden, wenn ich behaupte, dass es viel schwieriger für sie ist, eine Kurzgeschichte zu schreiben.

Alles in allem oute ich mich also als ein kleiner Kurzgeschichten-Muffel, was mich aber bisher nicht daran gehindert hat, um die 20 zu verfassen (allerdings sind die meisten schon älter) und vier davon zu veröffentlichen (die erste im Alter von 15).
Meine Annahme für die Zukunft: Je mehr Romane ich schreibe, desto weniger Kurzgeschichten werde ich verfassen.

Doch damit kann ich leben.
Sabrina S.

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